Mein Vater kam im U-Boot nach Dänemark, ich im VW: beides “erstklassige deutsche Metallprodukte”

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Wie mein Vater am 4. Mai 1945 in einem U-Boot nach Dänemark kam und ich am 30. Januar 1983 in einem Volkswagen.

 

Jyllands-Posten

 

[object Object]Tegning: Rasmus Sand Høyer

 

Ein fast immer froher Marienkäfer aus Deutschland

 02.02.2020

Alle kennen den VW-Käfer. In der großen Deutschland-Ausstellung des Kopenhagener Nationalmuseums bekommt er den Namen „Volkswagen-Marienkäfer“ verpasst. Charmant. In Jyllands-Posten steht, welche Erinnerungen das bei mir nach oben gespült hat:

 

Das Auge fällt beim Betreten der Deutschland-Ausstellung im Nationalmuseum sofort auf den aschgrauen Volkswagen, sorgsam restauriert und im Baujahr 1952 in Wolfsburg vom Band gelaufen. In dieser Stadt bin ich aufgewachsen, derselbe Jahrgang 1952, in zunehmendem Maß aschgrau, und sorgsam restauriert zu werden täte auch mir sehr gut.

Der Historiker Neil McGregor, Schöpfer dieser Ausstellung für das Britsh Museum in London, sieht den kleinen buckligen Volkswagen als fantastische Präzisionsarbeit von höchstem Karat, verfügbar für alle. Als frühes Beispiel für dieselbe Kombination erklärte er bei einem Vortrag in Kopenhagen mitreißend und schwärmerisch eine beeindruckende Präzisionsuhr aus dem 16. Jahrhundert. Albrecht Dürer feiert er als „ersten europäischen Künstler”, dessen Kupferstiche von Spanien bis Norwegen überall in Europa Verbreitung fanden. Johann Gutenberg bahnte mit der Buchdruckerkunst den Weg für die spätere Aufklärung. Und das Bauhaus (gegründet 1919) öffnete die Augen der Welt für einen muntere und demokratischen Blick auf das Leben.

Nach zwei verlorenen Weltkriegen und den ungeheuerlichen Nazi-Vebrechen haben meine Landsleute, so sieht es McGregor, mit dem Volkswagen-Klassiker, von dem 21,5 Millionen Stück gebaut wurden, zur ihrer Rolle als innovative „Meister des Metalls“ zurückgefunden. Das half beim Wiederfinden einer nationalen Identität, jetzt ohne aggressiven Nationalismus und Größenwahn. Im Gegenteil – der Umgang mit der eigenen Geschichte sei so selbstkritisch, dass Deutschland für ihn als einziges Land in Europa „immun ist gegen die Versuchung der Nostalgie“.

Hier hab ich die Ohren gespitzt wie lange nicht. Natürlich war unser erstes Familienauto 1959 ein Käfer. 1971 habe ich den Sommerjob als junger Lokalreporter bei der “Wolfsburger Allgemeinen” für einen am VW-Fließband eingetauscht. Man bekam es viel besser bezahlt. 1983 wurden die bescheidenen Habseligkeiten von mir frisch verheiratetem Dänemark-Zuwanderer in einem VW-Bus nach Kopenhagen geschafft.

Vor mir war schon mein Vater in einem erstklassigen deutschen Metallprodukt in Dänemark angekommen: Am 4. Mai 1945 im Großen Belt, als sein U-Boot U 2503 vor Korsør von britischen Bombern in Brand geschossen war und strandete. 13 Besatzungsmitglieder verbrannten oder ertranken ein paar Stunde vor Ende des Krieges. Der wahnsinnige Großadmiral Dönitz hatte den Befehl zu einer letzten „Feindfahrt“ gegeben. Mein damals 21 Jahre alter Vater wurde mit den anderen Überlebenden auf einem dänischen Fischkutter an Land gebracht. Nach Vorauszahlung für den Transport mit dem Dieselöl vom U-Boot.

Von dem Tag an mochte Bruno Borchert Dänemark genauso vorbehaltlos wie später seine verschiedenen Volkswagen. Da war er eben Wolfsburger geworden. Wenn ich mich anschicke,, ein Auto zu kaufen, sagt auch in mir eine erstaunlich kräftige Stimme „VW“. Sie wird allerdings immer kraftvoller übertönt von Greta Thunbergs Mädchenstimme. Neulich gewann die VW-Stimme vermutlich ein letztes Mal, als ich mich – die hohen dänischen Autosteuern im Hinterkopf – für einen etwas billigeren Skoda entschied. Mit Volkswagen-Motor. Nostalgisch? Vermutlich. Aber national sind meine Gefühle für VW ganz bestimmt nicht.

Heute weiß jedes Kind in Wolfsburg, das nach der Stadtgründung 1938 vor allem Zwangsarbeiter aus ganz Europa die Stadt im Krieg bevölkert haben. Der Käfer-Konstrukteur Ferdinand Porsche, Hitler stets zu Diensten, „bestellte“ noch im Februar 1945 KZ-Häftlinge aus Buchenwald für die Produktion von Panzern i den VW-Hallen. Zwanzig Jahre später hat mir dieser verehrungwürdige Schutzpatron der Stadt jeden Tag auf dem Schulweg von seinem Bronzdenkmal zugelächelt. Die Familie Porsche sind heute steinreiche VW-Anteilseigner.

Neil McGregors lebendiger Blick auf mein Mutterland lädt zum Nachdenken und zur Kontroverse ein. Geschichte ist nun mal voller Haken und Ösen, widersprüchlich und immer in Bewegung. Es hilft auch wenig, negative nationale Klischees durch genauso simple positive zu ersetzen. Von der eine zeitlang innovativen Kraft des Käfers ist wahrlich nicht viel übrig, wenn der Blick auf das heutige Volkswagen fällt. Gerade kommen drei Wolfsburger VW-Topbosse in der Nachbarstadt Braunschweig für Dieselgate vor Gericht, der hochkriminellen Manipulation von Millionen Volkswagenmotoren.

Hier in Dänemark haben 91 000 solcher Autos die Luft vergiftet. Ich fuhr bis vor Kurzem einen davon. Bei der Suche nach Ersatz ging kein Weg an der verblüffenden Erkenntnis vorbei, dass sowohl der größte Autokonzern der Welt wie auch Dänemark, dieses „grüne Vorreiterland“, in Sachen E-Mobilität weit hinterherhinken.

In der Ausstellungsbroschüre des Nationalmuseums bekommt der legendäre Autoklassiker den charmanten Namen „Volkswagen-Marienkäfer“ verpasst. Wie schön! (In Dänemark kennt jeder das Kinderlied von einem „fast ewig frohen Maikäfer“.) Der Übersetzer von Neil McGregors wunderbar zugänglichem Buch „Deutschland – Erinnerungen an eine Nation“, hat sich für das prosaischere „Blase“ entschieden. Wie in „Asphaltblase“. Auch nicht schlecht.

 

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